Jetzt, erst in diesem Augenblick, überfiel mich die Erkenntnis, wie schrecklich das war, was wir da taten! Hier, im grellen Schein des Lichts erschien die materielle und niedrige Seite des Todes so wirklich wie nie zuvor. Die äußeren Hüllen, die durch unsachgemäße Berührung teilweise zerrissen oder gelockert waren und deren Farbe entweder vom Staub nachgedunkelt oder durch Reibung abgeschabt war, wirkte zerknittert, als wäre man unsanft damit umgegangen. Die Ränder der Wickeltücher waren ausgefranst, die Bemalung war fleckig, die Farbe abgebröckelt. Dem Umfang der Mumie nach zu schließen mußten es sehr viele Tücher sein. Aber dennoch war die menschliche Gestalt unverkennbar, wenn auch durch ihre Hülle furchteinflößend. Was da vor uns lag, war der Tod, und nichts anderes. Die ganze Romantik und Gefühlsträchtigkeit unserer Vorstellungskraft war verschwunden. Die zwei Älteren, die als Experten diese Arbeit oft getan hatten und in ihrem Element waren, zeigten sich nicht im mindesten schockiert. Und Dr. Winchester bewahrte sich sachliche Ruhe und Gelassenheit, als stünde er vor dem Operationstisch. Ich hingegen fühlte mich elendiglich, ja, ich schämte mich. Und überdies bereitete mir Margarets geisterhafte Blässe Kummer und Schmerz.

Und dann gingen wir ans Werk. Das Auswickeln der Katzenmumie hatte mich ein wenig auf das Kommende vorbereitet. Diese Mumie war aber um so viel größer und viel komplizierter eingehüllt, daß es wieder etwas gänzlich anderes war. Zu dem stets vorherrschenden Empfinden von Menschsein und Tod kam das Gefühl, daß man hier mit größerer Feinheit verfahren war. Die Katze war mit gröberen Materialien einbalsamiert worden. Hier aber war alles viel sorgfältiger und mit edleren Stoffen ausgeführt, das sah man, nachdem die äußere Umhüllung entfernt wurde. Nur das Beste vom Besten an Harzen und Kräutern war bei dieser Einbalsamierung verwendet worden. Die Umstände allerdings blieben gleich, es ging nicht ohne roten Staub und den beißenden Geruch des Erdharzes ab, und das Zerreißen der Bandagen hörte sich ebenfalls gleich an. Diese Umhüllungen waren in unglaublicher Vielzahl vorhanden und häuften sich zu großem Umfang auf. Während die Männer diese Hüllen aufwickelten wuchs meine Erregung. Ich selbst nahm an dieser Tätigkeit nicht aktiv teil. Margaret hatte mich dankbar angesehen, als sie merkte, daß ich mich zurückhielt. Wir hielten uns fest an der Hand und sahen zu. Die Umhüllungen wurden immer feiner, der Geruch weniger erdharzhaltig, dafür aber beißender. Wir alle bekamen bald das Gefühl, daß dieser Geruch uns irgendwie besonders beeinflußte, wenn auch die Arbeit davon unberührt weiterging. Manche der inneren Hüllen trugen Symbole oder Bilder, teils ganz in Hellgrün gehalten, teils vielfarbig. Immer aber herrschte die Farbe Grün vor. Zuweilen deutete Mr. Trelawny oder Mr. Corbeck auf ein besonderes Zeichen, ehe die Hülle auf den Stapel abgelegt wurde, der mittlerweile zu unglaublicher Höhe angewachsen war.

Schließlich merkten wir, daß es mit den Hüllen zu Ende ging. Die Proportionen wurden den normalen Ausmaßen der Königin immer ähnlicher, und man sah, daß diese überdurchschnittlich groß war. Und mit dem Herannahen des Endes wurde Margaret immer bleicher. Und ihr Herz schlug immer heftiger, bis ihre Brust sich so ungestüm hob und senkte, daß ich es mit der Angst zu tun bekam.

Als ihr Vater eben die letzte Bandage abnehmen wollte, sah er zufällig auf und bemerkte ihre blasse und verängstigte Miene. Er hielt inne in der Annahme, sie fühle sich in ihrem Schamgefühl beleidigt und sagte tröstend:

»Hab keine Angst! Sieh doch, die Königin trägt ein Gewand – oh, ein wahrhaft königliches Gewand!«

Die letzte Hülle reichte über die volle Länge des Körpers, und als sie entfernt wurde, sah man ein prächtiges weites Gewand, aus weißem Leinen, das den Körper vom Hals bis zu den Füßen bedeckte.

Und was für Leinen das war! Wir beugten uns vor, um es zu bewundern.

In Margaret wurde die Angst durch ihr weibliches Interesse an schönem Stoff besiegt. Wir alle konnten uns vor Staunen nicht fassen. Denn so feines Leinen hatte in unserem Zeitalter kein Auge je erblickt. Es war fein wie feinste Seide. Doch niemals war eine Seide gesponnen oder gewebt worden, die feine Fältchen warf, obgleich sie von den engen Umwickelungen durch Tausende von Jahren wie geprägt wirkten.

Der Halsausschnitt war mit winzigen Maulbeerzweigen aus purem Gold bestickt. Und am ähnlich gearbeiteten Saum reihte sich eine endlose Reihe Lotuspflanzen ungleicher Höhe aneinander, alle in natürlicher Größe.

Quer über dem Leib, diesen aber nicht umspannend, lag ein edelsteingeschmückter Gürtel. Ein wundervoller Gürtel, der in allen Formen, Phasen und Farben des Himmels funkelte und schimmerte!

Als Gürtelschnalle diente ein gelber Stein, rund und tief gewölbt, als hätte man eine weiche Kugel dagegengedrückt. Er glänzte und glühte wie von einer inneren Sonne angestrahlt. Seine Strahlen erhellten alles um uns herum. Flankiert wurde dieser Stein von zwei großen Mondsteinen etwas kleinerer Größe, deren Schimmer, neben der Pracht des Sonnensteins wie Mondlicht wirkte.

Beidseits dieser Steine ging eine Reihe strahlender Steine aus, von goldenen Spangen erlesener Form zusammengehalten. Ein jeder dieser Steine sah aus, als enthielte er einen lebendigen Stern, der in allen Phasen des Lichtes funkelte.

Margaret hob verzückt die Hände. Sie beugte sich vor, um das alles näher zu besehen. Plötzlich aber fuhr sie zurück und richtete sich zu voller Größe auf. Und was sie nun sagte, das sagte sie mit der Überzeugung des Wissenden:

»Das ist kein Totenhemd! Das war nicht für den Tod bestimmt. Es ist ein Hochzeitsgewand!«

Mr. Trelawny berührte das Leinengewand. Er hob ein Fältchen am Nacken an, und als er hastig Luft holte, merkte ich, daß ihn etwas sehr überrascht hatte. Er hob das Material noch ein wenig an. Dann trat auch er zurück und sagte mit einer bezeichnenden Geste:

»Margaret hat recht! Dieses Gewand war nicht als Totenhemd gedacht! Seht! Der Körper ist damit nicht bekleidet. Es liegt nur lose auf.«

Er hob den Gürtel und reichte in Margaret. Dann faßte er mit beiden Händen nach dem Gewand und legte es ihr auf die ausgestreckten Arme. Dinge von solcher Vollkommenheit waren so kostbar, daß man sie mit allergrößter Sorgfalt behandeln mußte.

Wir alle standen da, von Ehrfurcht ergriffen ob der Schönheit der Gestalt, die nun, bis auf ein Gesichtstuch nackt vor uns lag. Mr. Trelawny beugt sich wieder über sie und hob mit zitternden Händen dieses Leinentuch, das von gleicher Feinheit war wie das Gewand. Als er zurücktrat und die ganze erhabene Schönheit der Königin enthüllt wurde, spürte ich, wie mich Scham erfaßte. Es war unrecht, daß wir dastanden und mit respektlosen Augen diese unbekleidete Schönheit ansahen. Ungehörig war es, nein, es war fast ein Sakrileg! Und doch war das weiße Wunder dieser Gestalt etwas, wovon man träumen konnte. Es sah nicht nach Tod aus. Es war vielmehr eine aus Elfenbein geschaffene Statue des Praxiteles. Keine Spur von dem gräßlichen Zusammenschrumpfen, das der Tod mit sich bringt. Keine Spur von der runzeligen Gespanntheit, die ein Merkmal der meisten Mumien darstellt. Auch nicht die eingesunkene Verkleinerung eines im Sand vertrockneten Körpers, wie ich sie in Museen des öfteren gesehen hatte. Hier waren alle Poren auf wunderbare Weise intakt und erhalten. Das Fleisch war prall und rund wie bei einem lebendigen Menschen. Und die Haut war glatt wie Satin. Die Färbung war außergewöhnlich – wie Elfenbein, neues Elfenbein, bis auf jene Stelle des rechten Armes mit dem zerfetzten blutigen Gelenk und der fehlenden Hand, die mehrere tausend Jahre frei im Sarkophag gelegen hatte.

Einem weiblichen Impuls folgend warf Margaret über den Körper das schöne Gewand, das sie in den Armen gehalten hatte. Ich sah, daß das Mitleid sie übermannt hatte. In ihren Augen blitzte es auf, und ihre Wangen waren gerötet. Nun war nur mehr das Antlitz der Königin zu sehen. Es rief in einem ein bangeres Gefühl hervor als der Leib, denn es wirkte völlig lebendig. Die Lider waren geschlossen, und die langen, gebogenen schwarzen Wimpern überschatteten die Wangen. Die stolz gewölbten Nasenflügel strahlten Haltung aus, die bei einer Lebenden natürlich noch mehr zur Geltung kommen mußte als bei einer Toten. Die vollen roten Lippen ließen, obgleich der Mund nicht geöffnet war, eine Andeutung der weißen Perlenreihe von Zähnen erkennen. Ihr üppiges, rahenschwarz schimmerndes Haar war über der weißen Stirn aufgetürmt, in die ein paar Locken fielen. Die Ähnlichkeit mit Margaret ließ mich staunen, obgleich mich Mr. Corbecks Zitat der Erklärung ihres Vaters darauf vorbereitet hatte. Diese Frau – sie war für mich weder Mumie oder gar Leiche – war das Ebenbild Margarets, wie ich sie kennengelernt hatte. Die Ähnlichkeit wurde durch den juwelenbesetzten Kopfschmuck noch unterstrichen. Es war eine »federngeschmückte Rundscheibe« wie auch Margaret sie getragen hatte. Auch dies ein prächtiges Geschmeide: eine edle Perle von Mondscheinschimmer, umgeben von sieben geschliffenen Mondsteinen.

Mr. Trelawny zeigte sich überwältigt, ja er war dem Zusammenbruch nahe. Als Margaret an seine Seite eilte, um ihn in die Arme zu nehmen und zu trösten, da hörte ich ihn ganz gebrochen murmeln:

»Als ob du tot hier lägest, mein Kind!«

Nun herrschte Stille. Von draußen hörte ich das Tosen des Windes, der sich zum Sturm gesteigert hatte, und dazu das heftige Wogen der Brandung weit unten. Schließlich brach Mr. Trelawny das Schweigen.

»Später einmal müssen wir versuchen herauszubekommen, wie das Einbalsamieren in diesem Fall vor sich ging. Jedenfalls ganz anders, als die Fälle, die ich kenne. Es fehlt jeder Öffnungsschnitt zum Entfernen der Eingeweide, die offenbar unversehrt im Körper blieben. Dazu kommt, daß ja dem Fleisch die Flüssigkeit entzogen ist. An deren Stelle wurde etwas anderes eingeführt. Es sieht fast so aus, als wäre Wachs oder Stearin mittels eines komplizierten Prozesses in die Adern injiziert worden. Ich frage mich, ob die Möglichkeit besteht, daß man damals schon Paraffin kannte. Immerhin möglich, daß man es auf irgendeine uns unbekannte Weise in die Adern pumpte, wo es erstarrte!«

Margaret, die ein weißes Laken über die Königin gebreitet hatte, bat uns, wir sollten den Körper in ihr Zimmer schaffen, wo wir ihn aufs Bett legten. Dann schickte sie uns mit den Worten fort:

»Laßt mich mit ihr allein. Es müssen noch viele Stunden vergehen, und ich möchte nicht, daß sie da unten im grellen Licht liegt. Das mag vielleicht die Hochzeit sein, auf die sie sich vorbereitete – die Todeshochzeit. Da soll sie wenigstens ihr schönes Gewand anlegen.«

Als Margaret mich später in ihr Zimmer führte, trug die Königin das Gewand aus feinem Leinen mit der Goldstickerei. Und das herrliche Geschmeide war an seinem Platz. Um sie herum brannten Kerzen, auf ihrer Brust lagen weiße Blumen.

Hand in Hand standen wir vor ihr und sahen sie an. Dann deckte Margaret sie mit einem schneeweißen Laken zu, tief aufseufzend. Sie wandte sich ab. Nachdem sie leise die Tür geschlossen hatte, ging sie mit mir zurück zu den anderen, die sich mittlerweile im Speisezimmer versammelt hatten. Hier besprachen wir nun alles was sich zugetragen hatte und auch, was uns noch bevorstand.

Wieder mußte ich die Feststellung machen, daß der eine oder andere das Gespräch mit aller Gewalt am Leben erhielt, als hätte sich Unsicherheit unter uns breitgemacht. Die lange Wartezeit beanspruchte unsere Nerven. Mir war nun klar, daß Mr. Trelawny mehr an den Folgen seines langen Trancezustandes litt, als wir ahnten oder als er zeigen wollte. Gewiß, Willen und Entschlußkraft waren ungebrochen, doch seine körperliche Verfassung hatte gelitten. Dies war allerdings nur natürlich. Kein Mensch kann eine viertägige Periode der Leblosigkeit durchmachen, ohne daß es ihn schwächt.

Mit dem Vergehen der Stunden schleppte sich die Zeit immer träger dahin. Die anderen schienen von Schläfrigkeit übermannt. Ich fragte mich, ob sich im Falle Trelawnys und Corbecks, die ja dem hypnotischen Einfluß der Königin bereits ausgesetzt gewesen waren, derselbe Schlafzustand ankündigte. Dr. Winchester hingegen zeigte Perioden der Geistesabwesenheit, die mit der Zeit immer länger und häufiger auftraten.

Was nun Margaret anlangte, so machte sich die Spannung besonders stark bemerkbar. Sie wurde immer bleicher und stiller, bis ich mir schließlich, es war um Mitternacht, ernsthaft um sie Sorgen zu machen begann. Ich bewog sie, mit mir in die Bibliothek zu gehen und dort auf dem Sofa eine Weile zu ruhen. Da Mr. Trelawny entschieden hatte, das Experiment müsse genau zur siebten Stunde nach Sonnenuntergang stattfinden, würde es drei Uhr morgens werden, ehe man damit anfing. Auch wenn man noch eine ganze Stunde für die allerletzten Vorbereitungen ansetzte, blieben uns zwei Stunden Wartezeit. Ich versprach ihr hoch und heilig, ich würde sie zu jedem gewünschten Zeitpunkt wecken, doch sie wollte vom Einschlafen nichts wissen. Sie sei nicht müde, versicherte sie mir mit einem reizenden Lächeln, und sei sehr wohl imstande wach zu bleiben. Anspannung und Erregung trügen Schuld an ihrer Blässe. Schließlich gab ich mich geschlagen. Aber ich unterhielt mich über eine Stunde lang über die verschiedensten Dinge mit ihr, so daß ich doch das Gefühl hatte, ihr die Wartezeit verkürzt zu haben, als wir schließlich wieder ins Zimmer ihres Vaters gingen.

Wir trafen die drei Männer schweigend an. Mit mannhafter Tapferkeit fügten sie sich ins Schweigen, da sie spürten, sie hätten alles in ihrer Kraft Stehende getan. Und wir warteten und warteten. Als die Uhr zwei schlug, schien uns dies aufzurichten. Die Schatten, die sich während der langen, vorausgegangenen Stunden auf uns gesenkt hatten, waren wie weggeblasen. Jeder von uns machte sich hellwach und voller Eifer an seine Arbeit. Als erstes überzeugten wir uns davon, daß die Fenster geschlossen waren und holten unsere Atemgeräte, damit wir sie rechtzeitig zur Hand hätten. Es war von Anfang an eingeplant gewesen, diese Geräte anzuwenden, da wir ja nicht wußten, ob beim öffnen des magischen Behälters nicht giftige Dämpfe entweichen würden. Daß er sich womöglich gar nicht öffnen könnte, kam keinem in den Sinn.

Und dann trugen wir unter Margarets Anleitung den mumifizierten Leib der Königin Tera aus ihrem Zimmer in das ihres Vaters und legten sie auf eine Couch. Das Laken breiteten wir ganz locker über sie, so daß sie, sollte sie erwachen, mit Leichtigkeit hervorschlüpfen konnte. Die verstümmelte Hand wurde auf die ihr zugedachte Stelle auf der Brust gelegt, unter die Hand das Siebengestirnjuwel, das Mr. Trelawny aus dem großen Safe herausgeholt hatte.

Es war ein seltsamer Anblick und ein seltsames Erlebnis. Die Gruppe ernster, schweigender Männer trug die reglose Gestalt, die aussah wie eine Elfenbeinfigur, fort von den brennenden Kerzen und den weißen Blumen. Wir legten sie auf die Liege in jenem anderen Raum, wo das grelle elektrische Licht auf den großen Sarkophag fiel, der in der Mitte stand, bereit für das letzte Experiment, das Große Experiment, das die Krönung der jahrelangen Forschungsarbeit dieser zwei weitgereisten Gelehrten darstellte. Und wieder wurde die ganze Situation durch die erschreckende Ähnlichkeit zwischen Margaret und der Mumie noch unheimlicher gemacht. Als schließlich alles fertig war, war auch eine Dreiviertelstunde vergangen, denn wir waren bei allem sehr bedachtsam vorgegangen. Margaret winkte mich zu sich, und gemeinsam gingen wir hinaus und holten Silvio. Schnurrend kam er auf sie zu. Sie hob ihn hoch, um ihn mir zu übergeben. Und dann tat sie etwas, was mich sonderbar berührte und mir deutlich zu Bewußtsein brachte, wie verzweifelt das Unternehmen war, das uns bevorstand. Sie blies die Kerzen sorgsam aus, eine nach der anderen, und stellte sie an ihren gewohnten Platz zurück. Sodann sagte sie zu mir:

»Wir brauchen sie nicht mehr. Was immer auch kommen mag – Leben oder Tod –,es hat keinen Zweck, sie jetzt brennen zu lassen.«

Sie nahm Silvio wieder auf den Arm und drückte das laut schnurrende Tier eng an sich. So gingen wir zurück zu den anderen. Ich schloß die Tür hinter mir und empfand dabei ein erregendes Gefühl der Endgültigkeit. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Wir legten die Atemgeräte an und nahmen unsere Plätze wie besprochen ein. Ich sollte neben der Tür bei den elektrischen Lichtschaltern stehen und sie nach Mr. Trelawnys Anweisung bedienen. Dr. Winchester sollte sich hinter der Liege postieren, damit er nicht zwischen der Mumie und dem Sarkophag zu stehen käme. Seine Aufgabe war es, alle Vorgänge um die Königin genau zu beobachten. Margaret sollte neben ihm stehen. Sie hielt Silvio in den Armen, um ihn, falls sie es für richtig hielt, auf die Liege oder daneben zu setzen. Mr. Trelawny und Mr. Corbeck hatten das Anzünden der Leuchten übernommen. Als die Uhrzeiger knapp vor der vollen Stunde angelangt waren, standen die beiden mit ihren Zündruten bereit.

Der silberne Glockenschlag der Uhr erklang in unseren Herzen wie ein Schicksalsgeläut. Eins! Zwei! Drei!

Noch vor dem dritten Schlag hatten die Dochte der Leuchten Feuer gefangen, und ich hatte das elektrische Licht abgeschaltet. Die Leuchtenflämmchen kämpften noch um Kraft, so daß der Raum nach dem Erlöschen des hellen elektrischen Lichtes unheimliche Formen annahm und sich ständig zu verändern schien. Mit Herzklopfen warteten wir ab. Ich spürte mein Herz heftig pochen und bildete mir ein, den Herzschlag der anderen zu hören.

Die Sekunden zogen mit bleiernen Schwingen vorüber. Es war, als stünde die ganze Welt still. Die Gestalten der anderen waren undeutlich auszumachen, allein Margarets weißes Kleid hob sich deutlich ab. Die plumpen Atemgeräte, die wir trugen, ließen uns alle noch merkwürdiger erscheinen. Das schwache Licht der Leuchten fiel auf Mr. Trelawnys eckiges Kinn, seinen festen Mund und auf das braune, glattrasierte Antlitz Mr. Corbecks. Die Augen schimmerten unter dem Einfall des Lichtes. Auf der entgegengesetzten Seite des Raumes funkelten Dr. Winchesters Augen wie Sterne, während Margarets Augen wie schwarze Sonnen glühten. Silvios Augen hingegen waren Smaragde.

Ja, wollten denn diese Lampen nie mit voller Kraft brennen!

Doch dauerte es nur wenige Sekunden, ehe sie hell aufflammten.

Es war ein ruhiges, stetiges Licht, immer heller werdend und sich in der Farbe von Blau zu Kristallweiß verändernd. So blieben sie eine ganze Weile, ohne daß sich bei dem truhenartigen Behälter etwas verändert hätte. Dann aber zeigte sich ein zarter Schein um den Behälter, der immer stärker wurde, bis das Ding aussah wie ein glühendes Juwel und dann wie etwas Belebtes, dessen Lebensgrundlage Licht war. Wir warteten, während unsere Herzen stillzustehen drohten.

Plötzlich hörten wir ein Geräusch ähnlich einer kleinen gedämpften Explosion, und der Deckel hob sich um ein paar Zoll. Ein Irrtum war ausgeschlossen, da der ganze Raum in blendendes Licht getaucht war. Sodann fing der Deckel an sich nach einer Seite zu neigen, als gäbe er einem Druck nach. Der Behälter glühte nach wie vor und strömte nun einen schwachen grünlichen Rauch aus. Ich konnte den Geruch des Rauches zunächst nicht genau feststellen, weil ich ja das Atemgerät anhatte, doch merkte ich, daß es ein beizender Geruch war. Der Rauch wurde immer dicker und quoll in immer gewaltigeren Schwaden hervor, bis sich schließlich der ganze Raum verdunkelte. Ich verspürte das Verlangen, zu Margaret zu laufen, die ich durch die Rauchschwaden noch immer sehen konnte, wie sie aufrecht hinter der Liege stand. Doch eben, als ich hinsah, sank Dr. Winchester in sich zusammen. Bewußtlos allerdings war er nicht, da er mit der Hand heftig winkte, als wolle er allen ein Zeichen geben, niemand solle sich ihm nähern. Nun wurden die Gestalten von Mr. Trelawny und Mr. Corbeck undeutlich, bis ich schließlich von ihnen nichts mehr sehen konnte. Der Behälter fuhr fort zu glühen, die Lampen aber brannten schwächer. Erst dachte ich, ihr Schein wäre durch den dichten schwarzen Qualm gedämpft, doch dann merkte ich, daß sie, eine nach der anderen herunterbrannten. Sie mußten den Brennstoff wohl sehr rasch verbraucht haben, da sie so helle und kräftige Flammen produzierten.

Ich wartete ab, jeden Augenblick gewärtig, den Befehl zu hören, ich solle das elektrische Licht einschalten. Aber dieser Befehl wollte nicht kommen. Ich wartete weiter, während aus der glühenden Truhe schwarze Schwaden quollen, und die Leuchten im Verlöschen begriffen waren.

Schließlich brannte nur mehr ein einziges Licht, und dieses war schwach blau und geriet schon ins Flackern. Die einzige wirksame Lichtquelle stellte nun der leuchtende Behälter dar. Ich hielt den Blick unverwandt auf Margaret gerichtet, denn sie war es, der nun meine Sorge galt. Ich konnte hinter der auf der Liege liegenden, noch immer weiß verhüllten Gestalt Margarets Kleid gerade noch ausnehmen. Silvios klägliches Miauen zeigte an, daß ihm höchst unbehaglich zumute war. Ansonsten war kein Laut zu hören. Immer dichter wurde der schwarze Rauch, dessen beißender Geruch mir in die Nase stieg und die Tränen in die Augen trieb. Mit der Zeit aber schien mir, daß der Rauch weniger wurde und vor allem nicht mehr so dicht war. Dort, wo die Liege stand, sah ich, daß sich etwas bewegte. Ich konnte mehrere Bewegungen ausmachen. Da war ein weißes Aufschimmern im dichten Qualm. Leider ließ nun das Leuchten des Behälters rasch nach. Silvio war noch immer zu hören, nun aber kam sein Miauen ganz aus der Nähe. Gleich darauf spürte ich, wie er sich ängstlich an meine Beine schmiegte.

Und dann war auch das letzte Fünkchen Licht verloschen. Durch die wahrhaft ägyptische Finsternis konnte ich den schmalen weißen Rand um die Jalousien ausmachen. Meinem Gefühl nach war nun die Periode des Stillschweigens vorüber. Meine Atemmaske vom Gesicht reißend, rief ich aus:

»Soll ich Licht machen!« Keine Antwort. Ehe mich der Qualm würgen konnte, rief ich wieder, diesmal lauter:

»Mr. Trelawny, soll ich Licht machen?«

Er gab keine Antwort, doch Margarets Stimme ließ sich hören, lieblich und klar wie ein Glöckchen:

»Ja, Malcolm!«

Ich betätigte den Schalter, und die Lampen flammten auf. Doch waren diese Lichter nur kleine schwache Pünktchen inmitten dieser dunklen Schwaden. Die Atmosphäre war derart rauchgeschwängert, daß sich das Licht nicht durchsetzen konnte. Ich lief hin zu Margaret, indem ich mich an ihrem weißen Kleid orientierte, faßte nach ihr und hielt ihre Hand fest. Sie spürte meine Angst und sagte sofort:

»Mir fehlt nichts.«

»Gottlob!« stieß ich hervor. »Und wie steht es mit den anderen? Rasch, wir wollen die Fenster aufmachen, damit dieser Qualm hinaus kann!«

Ihre Antwort kam im schläfrigen Ton, was mich wunderte:

»Ach, die werden sich rasch erholen. Es ist ihnen nichts passiert.«

Wie sie zu dieser Meinung gelangte, das fragte ich sie vorerst nicht. Ich öffnete statt dessen Fenster und Türen weit.

Nach wenigen Sekunden schon war eine merkliche Veränderung zu spüren, da der dichte schwarze Qualm sich ins Freie wälzte. Damit gewannen auch die Lichter an Kraft, und ich konnte endlich alles klar sehen. Die anderen waren zusammengebrochen. Dr. Winchester lag neben der Couch auf dem Rücken. Und hinter dem Sarkophag lagen Mr. Trelawny und Mr. Corbeck. Wie erleichtert war ich, als ich merkte, daß bei allen dreien trotz der Bewußtlosigkeit die Brust sich deutlich sichtbar hob und senkte. Sie machten den Eindruck, als befänden sie sich in einer Starre. Margaret stand noch immer hinter der Liege. Mir schien, als befände auch sie sich in einem Zustand der Benommenheit. Doch mit jedem Augenblick gewann sie die Herrschaft mehr über sich zurück. Sie trat vor und half mir, ihren Vater hochzuheben und ans Fenster zu schleppen. Gemeinsam schafften wir es, die anderen ebenfalls in Fensternähe zu tragen. Margaret lief ins Speisezimmer, um mit einer Brandy-Karaffe wiederzukommen. Der Reihe nach bekamen nun alle etwas Brandy eingeflößt. Wenige Minuten, nachdem ich die Fenster aufgerissen hatte, ging es den dreien schon merklich besser. Die ganze Zeit über hatte mein Bestreben ihrer Wiederherstellung gegolten. Jetzt aber, da sie auf dem besten Wege waren, das Bewußtsein wiederzuerlangen, konnte ich mich im Raum nach den Wirkungen des Experiments umsehen. Der dichte Qualm hatte sich indessen verzogen. Im Raum zurückgeblieben waren eine Dunstschicht und der sonderbare beißende Geruch.

Der große Sarkophag war unverändert. Der truhenähnliche Behälter war offen. In seinem Inneren befand sich, durch Trennwände aus demselben Material unterteilt, schwarze Asche wild verstreut. Alles im Raum, Sarkophag und Behälter mit eingeschlossen, war mit einer Art schmierigen Rußschicht bedeckt. Ich trat an die Liege. Das weiße Laken lag verschoben darauf, es war zurückgeschlagen, als wäre jemand aufgestanden.

Von Königin Tera keine Spur! Ich nahm Margaret an der Hand und führte sie hin. Sie ließ nur zögernd ihren Vater allein, dessen sie sich rührend angenommen hatte. Leise flüsterte ich ihr zu:

»Was ist aus der Königin geworden! Sag es mir! Du standest ganz in der Nähe und mußt gesehen haben, was passierte!«

Sie gab leise zurück:

»Ich konnte nichts sehen. Ich hielt den Blick unverwandt auf die Liege gerichtet, bis der Qualm zu dicht wurde, doch es tat sich nichts. Dann aber, als alles so dunkel war, daß ich nichts mehr sehen konnte, glaubte ich eine Bewegung unmittelbar in meiner Nähe zu hören. Möglich, daß es Dr. Winchester war, der zu Boden sank. Sicher konnte ich meiner Sache nicht sein. In der Meinung, es wäre womöglich die Königin im Erwachen begriffen, ließ ich Silvio zu Boden. Was aus ihm wurde, sah ich nicht. Als ich ihn drüben an der Tür miauen hörte, da war mir, als hätte ich ihn schmählich im Stich gelassen. Hoffentlich ist er mir nicht zu böse!«

Wie als Antwort darauf kam Silvio hereingelaufen, stellte sich auf und stützte sich mit den Vorderpfoten gegen Margaret, so als wolle er in den Arm genommen werden. Sie bückte sich, hob ihn hoch und liebkoste und tröstete ihn.

Nun machte ich mich an eine genaue Untersuchung der Couch und deren Umgebung. Und als Mr. Trelawny und Mr. Corbeck sich ausreichend erholt hatten, was bei ihnen früher der Fall war als bei Dr. Winchester, unternahmen wir gemeinsam eine zweite Untersuchung. Ein Häufchen feinsten Staubes, das einen merkwürdigen Totengeruch ausströmte, war alles, was wir entdecken konnten. Der Kopfschmuck der Königin und das Siebengestirn-Juwel, das Worte trug, die über Götter geboten, lagen auf der Couch.

Das waren die einzigen Hinweise auf das, was geschehen war. Unsere Annahme, die Mumie hätte ihre physische Existenz aufgegeben, wurde nur durch einen einzigen Hinweis bekräftigt: Im Sarkophag, der in der Halle stand, und in den wir die Katzenmumie getan hatten, befand sich ein ähnliches Häufchen Staub.

 

*

 

Margaret und ich heirateten im Herbst. Bei der Hochzeit trug sie das Gewand der Mumie, dazu Gürtel und Kopfschmuck. Auf der Brust funkelte der Stein des Siebengestirns, gefaßt in einen Goldring in Lotusform, jener Stein, auf dem Worte standen, denen die Götter aller Welten gehorchten.

Diese eingravierten Worte mögen ihre Wirkung getan haben, denn Margaret richtete sich stets nach ihnen, und ich könnte mir kein glücklicheres Leben denken als meines.

In Gedanken sind wir oft bei der großen Königin und sprechen ganz unbefangen von ihr. Einmal, als ich voll Bedauern sagte, mir täte es leid, daß sie zu keinem neuen Leben in einer neuen Welt erwachen konnte, sagte meine Frau, ihre Hände in meine legend, mit jenem in die Ferne gerichteten, sprechenden und doch verträumten Blick, den sie zuweilen annimmt:

»Sei ihretwegen nicht traurig! Wer weiß, ob sie nicht fand, was sie suchte? Liebe und Geduld allein bringen das größte Glück auf dieser Welt, in der Welt der Vergangenheit wie der Zukunft, bei Lebenden wie bei Toten. Sie träumte ihren Traum – mehr können auch wir nicht verlangen!«

 

ENDE

Die sieben Finger des Todes
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